Zum Thema: Kann keine Paroxysmie sein, weil es nicht 30 Anfälle / Minute gibt

Heute erhalte ich folgende Mail, die sehr schön belegt, dass es einfach falsch ist zu glauben, jeder Patient müsse die gleichen Symptome haben:

Sehr geehrter Herr Dr. Schiffmann,

ich war am XX.XX.2016 bei ihnen zu umfangreichen Untersuchungen, da ich seit etwa Mitte 2015 an Schwindelattacken leide. Diese gehen nicht mit Kopfschmerzen einher. Die Attacken wirken sich wie ein „Bildwackler“ aus, Bruchteile einer Sekunde als Dauer, situationsunabhängig, bewegungsunabhängig, belastungsunabhängig. Es passiert wenn ich sitze, stehe, laufe, liege, mal stundenlang nichts, dann gibt es Phasen, in denen sie alle 2-3 Minuten auftreten und dann auf einmal für eine gewisse Zeit weg sind. Ohne das ich jetzt in meinem Verhalten was besonders geändert hätte. Durch die Attacken verliere ich weder mein Gleichgewicht, noch werde ich in sonstiger Weise beeinträchtigt, wie Sprachaussetzer etc, habe ich nicht. Meine Gegenüber merken nicht an meinem Verhalten etc. dass ich gerade eine Schwindelattacke habe.

Wenn ich eine Schwindelattacke habe, habe ich im linken Unterarm, linke Hand eine Art Kribbeln, es ist wie als wenn ein Impuls durch meinen Körper saust, von meinem Schwindel in die Hand. Deshalb war ich beim Neurologen und habe mich dort mit Messungen etc. untersuchen lassen. Diese waren alles o. B.

Nach Durchsicht der MRT BIlder teilten Sie mir mit, dass es sich sehr wahrscheinlich um eine Vestibularisparoxysmie handele. Ich sollte dies mit Übungen versuchen, zu behandeln.

Die Gabe von Medikamenten und damit Linderung der Symptome kann mitunter der einzige Hinweis sein, das die Diagnose richtig ist. Dies bestätigte mir auch mein Neurologe.

Ich nehme seit diesem Jahr Carbamazepin, was auch zu den von ihnen empfohlenen Medikamenten handelt. Sehr niedrig dosiert, 200mg abends.

Seitdem habe ich keinerlei Beschwerden mehr. Alle Symptome treten nicht mehr auf. Wenn ich die Medikamente 2 Tage nicht nehme allerdings schon.

Immer hat sich ihr Verdacht und ihre Diagnose bestätigt und sich mein langer, mehrmonatiger Weg der Suche erledigt. Auch wenn mich mein Leben jetzt mit Medikamenten begleitet.

Vielen Dank für ihre schnelle, wirksame, kompetente Hilfe.

Viele Grüße

XXXXXX

Gibt es nur Carbamazepin als Therapieoption

Es gibt eine Vielzahl von wirksamen Medikamenten die eingesetzt werden können. Es verlangt aber einen erfahrenen Therapeuten.
Wir haben von einigen Jahren angefangen die Paroxysmie selbst zu behandeln, weil wir Patienten mit der Diagnose zu Neurologen geschickt haben die keine Erfahrung mit dem Krankheitsbild hatten oder die Diagnose nicht kannten. In den ersten Jahren bekamen wir häufig wütende Anrufe von Kollegen, die uns für Scharlatane hielten.
Das hat sich gewendet, wir sind akzeptiert und werden von Neurochirurgen, Neurologen und Hausärzten regelmäßig kontaktiert und helfen wo wir können die Therapie für den Patienten zu verbessern

Zur Verfügung stehen unter anderem: Carbamazepin, Oxcarbazepin, Lamotrigen, Gabapentin, Pregabalin, Flunarizin, Metoprolol, Dimenhydrinat, Cinnarizin, Picrotoxin, Prednisolon und noch weitere Substanzen.

Häufig ist ergänzend ein spezielles Atemtraining hilfreich, da nicht selten eine chronische Hyperventilation die Beschwerden aufrecht erhält. Für diesen Zusammenhang bin ich Dr. Thomas Weiss aus Mannheim extrem dankbar. Durch intensive Gespräche und Gedankenaustausch gelang es uns einen weiteren Schlüssel in diesem komplexen Krankheitsbild heraus zu arbeiten.

Durch Rückmeldungen unserer Patienten haben wir gelernt, dass je nach Gefäß / Nervenkontakt und Lage der Engstelle es ausreichen kann wenn man beim schlafen eine gewisse Körperlage einnimmt.

In den letzten Jahren haben wir hunderte Patienten mit diesem Krankheitsbild behandeln können und freuen uns über viele positive Rückmeldungen und Behandlungserfolge, die uns motivieren weiter so akribisch nach dieser möglichen Ursache zu suchen.

Wie würde unsere Schwindelstatistik aussehen, wenn wir nicht nach Gefäß – Nervenkontakten fahnden würden

Diese Frage kann man relativ einfach beantworten, denn so lange fahnden wir noch gar nicht intensiv nach den Befunden im MRT.
Mittlerweile habe ich sehr viele meiner eigenen Menierè – oder Neuropathiediagnosen widerrufen müssen.

Viele Krankheitsverläufe von Patienten mit Neuropathien lassen sich mit einem Gefäß Nervenkontakt weit besser erklären als mit der “Entzündungsthese”. Wir haben festgestellt, dass die Gefäß / Nervenkontakte in den meisten Fällen exakt zur Seite der Neuropathie passen. Zufall ?

Auch der Morbus Meniere und seine berühmte Trias ließen sich über Gefäß / Nervenkontakte wesentlich besser und schlüssiger erklären als über die strukturelle Schädigung der Reißerischen Membran.

Natürlich gibt es auch Menier’e Patienten und auch wir stellen diese Diagnose, aber wenn ich gleichzeitig auf der selben Seite einen Gefäßkontakt habe, dann ist ein Therapieversuch mit Carbamazepin doch eine gute Therapieoption.

Das Pulsationstrauma wäre auch ein geeigneter Angriffspunkt für die intratympanale Kortisontherapie, die aktuell beim M. Meniere empfohlen wird obwohl keiner weiß warum das ganze funktionieren soll.

Auch die berühmten Hörstürze (Kein Mensch weiß was ein Hörsturz eigentlich sein soll) – der Arzt weiß nicht warum der Patient nicht hört, das ist die richtige Beschreibung für dieses Krankheitsbild. Auch hier haben wir in hoher Korrelation Gefäß / Nervenkontakte auf der betroffenen Seite.

Das Spiel läßt sich auch bei lageabhängigen Schwindelformen und Vestibulärer Migräne genauso fortsetzen.
Wissenschaft heißt, das eigene Wissen jeden tag auf’s neue zu hinterfragen und zu versuchen neue oder andere Erklärungen zu finden oder die alten zu bestätigen.

Wieso gibt es in der Schwindelambulanz Sinsheim häufiger die Diagnose Vestibularisparoxysmie

Ganz einfach: weil diese für uns eine wichtige Differentialdiagnose geworden ist, und keine exotische Diagnose mehr darstellt. In der Literatur spricht man von 10% bis 30% Gefäß Nervenkontakten. Dann dürfte ich in meinem Patientengut aber nicht über 80% Nervenkontakte haben, wenn hier kein Zusammenhang bestünde.

Die meisten Patienten, die sich bei uns vorstellen, waren schon in vielen Ambulanzen und bei unzähligen Ärzten. Somit handelt es sich nicht um eine allgemein repräsentativen Auszug einer Patientengruppe, sondern um eine Ausgesuchte.  Damit habe ich ein hoch signifikantes Ergebnis, welches belegt, dass ich in meinem Patientengut 50% mehr Gefäß -Nervenkontakte nachweisen kann als in anderen Veröffentlichungen.

Natürlich habe ich auch keine Standardauswahl an Patienten. Bei mir werden hauptsächlich Patienten untersucht, die schon bei vielen anderen Experten waren.

Daher sind die anderen häufigeren Krankheitsbilder bei mir mittlerweile die Seltenen geworden. Ich sehe kaum noch Lagerungsschwindel- oder echte Menierepatienten, denn diese sind schon alle erfolgreich in Behandlung. Ich habe den ausgefilterten Rest, und hier finden sich einfach sehr viele Patienten mit diesem Krankheitsbild.

Mir wird gerne vorgeworfen, dass ich nicht an psychischen oder phobischen Schwindel glaube. Das ist falsch. Auch ich stelle diese Diagnose,  aber sehr zurückhaltend, und auch nur,  wenn ich sicher bin, nach derzeitigem Stand nichts übersehen zu haben.

Dazu müssen deutliche, nicht durch neurologische Mechanismen erklärbare Phänomene stattfinden.

Ich frage mich ehrlich, wie es sein kann, dass bei den 2500 Patienten,  die 2016 bei uns waren, nur ca. 800 ein MRT im Vorfeld erhalten hatten. Nur 400 hatten geeignete Aufnahmen, um einen Gefäß Nervenkontakt überhaupt zu erkennen. Davon wurde die Ader in gerade mal 10% der Fälle vom Radiologen oder behandelnden Kollegen beschrieben.

Wir haben im letzten Jahr ein Kind in der Praxis gehabt, dem ein MRT verweigert wurde, mit der Begründung die Probleme kämen von Schulstress. Dieses Kind hatte einen riesigen Hirntumor (einen typischen in diesem Alter) und die Behandlung kam jetzt erst sehr spät. Das macht mich persönlich wütend und traurig.

Auch ein junger Unternehmer war bei uns, und hatte kein MRT bekommen mit einem ähnlichen Verlauf und Befund.

Mich hat mal ein Patient als Fanatiker im Bereich Schwindel charakterisiert, und er fand das gut. Genauso ist es ! Ich liebe dieses detektivische Puzzlespiel.

In Sinsheim und Umgebung sind die Radiologen mittlerweile hoch aufmerksam auf die Häufung von Gefäß Nervenkontakten geworden.

Alle CD’s werden in der Schwindelambulanz Sinsheim in einem eigenen PACS (Radiologischen System)  mit CE Zulassung von uns neu befundet, bearbeitet und auch mittels Multiplanarer Rekonstruktion  und anderen Darstellungsmöglichkeiten akribisch nach Pathologien durchforstet.
Auch jedes MRT, das aus anderen Gründen in unserer HNO – Praxis angefertigt wird,  wird befundet und siehe da: Bei Patienten ohne Schwindelanamnese sind diese Gefäß – Nervenkontakte auf einmal deutlich seltener vorhanden.

Der Mechanismus eines Pulsationstraumas ist von der Trigeminusneuralgie bekannt. Auch die Okulomotoriusmyoklonie, Fazialismyoklonie und andere Krankheitsbilder folgen den gleichen Gesetzen.

Auch die Lageabhängigkeit des Schwindels, wenn die Ader in den inneren Gehörgang hineinreicht, ist logisch und nachvollziehbar zu erklären, und Sie läßt sich auch im Bild darstellen. Diese Darstellung ist zwischenzeitlich durch einen befreundeten Radiologen gemacht worden.

Interessant ist auch die fast 100% ige Korrelation der pathologischen Befunde mit der Seite der Gefäß Nervenkontakte. Beispiel “Hörsturz”, ein Krankheitsbild, welches eigentlich keines ist und nur bedeutet, dass auch der Arzt nicht weiß, warum der Patient nichts hört. Manchmal hat der Patient auf der Hörsturzseite auch ein Pulssynchrones Ohrgeräusch  im MRT, eben genau auf dieser Seite eine Ader. Gleiches gilt für die Neuropathie und häufig auch für die Fazialisparese.

Natürlich gibt es nicht nur diese Diagnose bei uns, sondern im Grunde jede andere bekannte Ursache auch. Bis hin zu absoluten Exoten wie dem Muckle – Wells Syndrom oder der Okulomotorusneuropathie, Bogengangsdehiszenzen und auch schwerwiegende Fälle mit der Amyotrophen Lateralsklerose oder auch Hirntumoren und anderen Krankheiten.

In der Woche, bevor ich diesen Artikel geschrieben habe, hatten wir fast ausschließlich Patienten mit einer Neuropathia Vestibularis oder Morbus Meniere behandelt.

Das ist genau der Grund, warum tatsächlich ein großer Teil der diagnostizierten  Paroxysmien der letzten Jahre in unserer Ambulanz erkannt und behandelt wurden.

Darauf sind wir sehr stolz und bedanken uns bei allen Patienten, die uns vertrauen,  und die in den vielen Selbsthilfegruppen Online, Whatsup, Facebook etc. sich gegenseitig austauschen.

Schwindel – Eine Krankheit mit vielen Gesichtern

Wenn mich die Beschäftigung mit Schwindelpatienten eines gelehrt hat, dann dass es keine eindeutige Symptomatik für oder gegen eine Schwindelerkrankung gibt. Ein Lagerungsschwindel kann auch durch eine Neuropathie vorgetäuscht werden, oder durch Gefäßkontakte oder durch Tumore.

Gleiches gilt für den M. Menierè, mittlerweile habe ich in vielen Fällen meine eigene Diagnose widerrufen und den Patienten damit eine deutlich bessere Therapie anbieten können.

Ich habe in den letzten Jahren erschreckende Krankheitsverläufe in meiner Schwindelsprechstunde berichtet bekommenn. Nur weil Lehrmeinung ist, dass es ausreicht eine Anamnese zu erheben und ein paar klinische Untersuchungen zu machen. Es wurde auf eine vollständige Diagnostik verzichtet und falsche Schlüsse aus der Krankengeschichte gezogen.

Übersehene Tumor, Gefäßverschlüsse, Schlaganfääle die keine waren und unzählige sogenannte eingebildete oder psychisch kranke, die einfach nie richtig untersucht wurde.

Oft war ich frustriert und desillusioniert, wie leichtfertig Patienten nicht geglaubt wird.

Das unverständliche an der Medizin ist, dass ein derartig komplexes Thema wie Schwindeldiagnostik oder Therapie immer in ein Schwarz / Weiss Schema gepresst wird. Auch in Selbsthilfegruppen finden sich immer wieder kluge Menschen, die sagen: Wenn es keine 30 kurzen Anfälle pro Tag sind, dann kann es keine Paroxysmie sein. Auch muß kein Drehschwindel vorliegen. Es gibt zahlreiche Arbeiten, die über jede Art von Schwindel berichten. Gerade im Neurochirurgischen Bereich wird der Übergang vom Sekunden zum Dauerschwindel häufiger berichtet.

Schwankschwindel ist Angstschwindel ist eine meine “Lieblingsmerksprüche”. Diese Einschätzung stammt aus einer Zeit als man noch nicht wußte, dass auch nur die Otolithenorgane (Sakkulus und Utrikulus) erkranken können. Heute können wir jeden einzelnen der Ohrrezeptroen überprüfen, teilweise sogar in verschiedenen Frequenzbereichen. Trotzdem landen extrem viele Patienten in diesem Schubladendenken in der falschen Schublade.

Wissenschaft bedeutet nicht an Thesen festzuhalten, sondern diese jeden Tag aufs neue zu hinterfragen und das eigene Wissen in Frage zu stellen. Bei den meisten Schwindelerkrankungen handelt es sich mitnichten um gesicherte Mechanismen, sondern um Thesen. Thesen sind nur solange gültig, bis man Sie durch eine Gegenthese ersetzt.

Einige anerkannte Schwindelerkrankungen sind teilweise abenteurliche Konstrukte, wenn man Sie mal aus einem anderen Standpunkt hinterfragt. Leider tuen dies wenige, sondern verweisen auf vermeintlich gesicherte Erkenntnisse.

Ich behaupte nicht, dass ich Recht habe. Ich möchte nur meine eigenen Zweifel versuchen darzustellen und zum Nachdenken anzuregen. Damit viele Patienten neue Ansätze bei Ihren Problemen und Hilfestellung bei Ihren Schwindelbeschwerden erhalten.